Meine Replik auf Wutbrief von Landrat Martin Sailer

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Heute erschien in der Augsburger Allgemeinen meine Replik „Nach Wutbrief an Söder: Jetzt steht der Landrat in der Kritik“. Ausgangspunkt war der am 5. August erschienene AZ-Artikel „Corona und Lehrkräftemangel: Landrat Sailer holt zum Rundumschlag aus“ mit einer Fundamentalkritik am Bildungswesen, die ich aufgrund falscher Behauptungen so nicht stehen lassen konnte.

Hier ist meine diesbezügliche Pressemitteilung:

Replik: „Landrat schreibt Wutbrief an Söder: Lage an Schulen ist völlig desolat“
Lehrermangel an Bayerns Grund- und Mittlschulen: Ursachen und Maßnahmen

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen“

Als Mitglied im Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags und als stellvertretender Fraktionsvorsitzender weise ich jeglichen Vorwurf gegenüber dem Kultusminister entschieden zurück.

Die Ursache des Lehrermangels an Grund- und Mittelschulen liegt ausschließlich in der Verantwortung der früheren CSU-Staatsregierung.

  • Die finanzielle Benachteiligung mit der Eingruppierung in die Besoldungsgruppe A 12 hat sehr viele Lehramtsstudenten veranlasst, sich für ein Lehramtsstudium an der Realschule, bzw. am Gymnasium zu entscheiden, das dann mit A 13 vergütet wird.

Landrat Martin Sailer trägt hier als damaliger CSU-Vize auch eine persönliche Mitverantwortung.

  • Außerdem müssen Grundschullehrer mit 28 und aktuell 29 Wochenstunden deutlich länger unterrichten, als Realschul- und Gymnasiallehrer.
  • Es wurden viele Zugeständnisse aus diesen Benachteiligungen heraus ermöglicht, die den Mangel zusätzlich verstärkt haben (Sabbatjahr, großzügige Teilzeitregelung, vorzeitiger Ruhestand).
  • Es wurden keine spürbare Maßnahmen umgesetzt, um die Klassenstärken zu reduzieren.

Staatsminister Prof. Dr. Michael Piazolo hat bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt tiefgreifende und teilweise schmerzliche Einschnitte bei den Grund- und Mittelschullehrern veranlasst, um der drohenden Versorgungskatastrophe entgegenzuwirken:

  • Verlängerung der Wochenarbeitszeit bei Grundschullehrern um eine Stunde mit Zeitgutschrift,
  • Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand ein Jahr später mit 65 Jahren,
  • die Mindestarbeitszeit der Lehrer wurde um 3 Stunden angehoben,
  • das Sabbatjahr wurde ausgesetzt.

Darüber hinaus wurde für Absolventen des Realschul-, bzw. Gymnasiallehramtes, die keine Direktanstellung erhielten, eine Zweitqualifikation angeboten, um in der Grund-, bzw. Mittelschule eine Festanstellung zu erhalten.

Seit dem Schuljahr 21/22 bietet das Kultusministerium im Rahmen einer Sondermaßnahme Zugangsvoraussetzungen für Nichtlehrkräfte ohne abgeschlossenes Lehramtsstudium an, die zumindest ein Staatsexamen an einer Universität erfolgreich abgelegt haben.

Für das Lehramt an Grundschulen wurde der NC (numerus clausus) abgeschafft, so dass ein deutlicher Zuwachs an Lehramtsstudenten erreicht wurde. Bis 2025 dürfte dort die Vollversorgung sichergestellt sein.

Derzeit hat Bayern mit rund 150.000 Lehrkräften eine Rekordmarke erreicht, die eine besserere  Lehrerversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern ermöglicht.

Die sich kurzfristig abzeichnende Verschärfung der Lehrerversorgung im Grund- und Mittelschulbereich geht auf Ursachen zurück, die nicht unmittelbar vorhersehbar waren.

  • Es fehlen aufgrund der Corona-Pandemie 1,5 bis 2 %, aktuell knapp 4.000 Lehrkräfte,
  • 3.000 Lehrerinnen haben ein vom Gesundheitsministerium verordnetes Betretungsgebot aufgrund ihrer Schwangerschaft,
  • für die rund 30.000 ukrainischen Schülerinnen und Schüler an bayerischen Schulen werden zusätzlich 1.620 Lehrkräfte benötigt und zur Verfügung gestellt.

Das sind nachvollziehbare und belegbare Fakten, die Landrat Martin Sailer bei seiner Pauschalkritik zur Kenntnis nehmen sollte, denn ohne all diese Maßnahmen und Eingriffe seitens des Kultusministers hätten wir wirklich ein „völliges Desaster“, allerdings ursachenbedingt in CSU-eigener Verantwortung.

Völlig deplaziert und despektierlich ist die herablassende Anmerkung des Landrats, den Kultusmimister dafür zu kritisieren, dass er Mittelschülern persönlich Zeugnisse aushändigt. Nicht nur Abiturienten, insbesondere auch Mittelschüler haben aus gutem Grunde das Recht, wertgeschätzt und in den öffentlichen Fokus gerückt zu werden. Denn sie sind es, die als angehende Fachkräfte unsere Infrastruktur aufrecht erhalten und unsere Versorgung sicherstellen.

Der Besuch der Mittelschule in Gersthofen und der persönliche Austausch mit Lehrervertretern der Grundschule Biberbach war eine ausgesprochene Wertschätzung des Ministers für diese Schularten, verbunden jeweils mit einer offenen Aussprache und Diskussion mit eben den Lehrkräften, die eine große Herausforderung zu bewerkstelligen haben und denen eine enorme Verantwortung abverlangt wird. Es war ein absolut konstruktiver, durchaus kritischer Dialog.

Johann Häusler, MdL, stellv. Vorsitzender der FW-Landtagsfraktion